Wie wirken sich Leitzinsänderungen auf die Aktienkurse aus?

Derzeit dreht die Federal Reserve (Fed) an der Zinsschraube und erhöht die US-Leitzinsen. Bis Ende des Jahres wird es noch mindestens einen weiteren Schritt geben, darin sind sich die meisten Experten einig. Die Europäische Zentralbank (EZB) hingegen hält den Leitzins in Europa auf der Nulllinie. Zinswende? Nicht absehbar. Sicherlich sehen wir an dieser Stelle unterschiedliche Entwicklungen. Indes gilt die (theoretische) Aussage, dass sich die jeweiligen Entscheidungen der Zentralbanken immer an den Finanzmärkten niederschlagen. Aber wirkt sich eine Änderung der Leitzinsen mittel- oder unmittelbar aus? Wir haben eine Auswahl an wichtigen Indizes hinsichtlich dieser Frage betrachtet.

Aufbau der Untersuchung

Für Europa und Deutschland erfassen wir die Kursverläufe des EUROSTOXX 50 und des deutschen Aktienindex (DAX). Insoweit bilden wir einen Kurs- und einen Performanceindex ab. In den USA stehen der Dow Jones Industrial Average (kurz Dow-Jones), der Dow Jones Composite Average mit 65 bedeutenden börsennotierten US-Unternehmen und der S&P 500 Index auf unserer Liste. Fokus der Untersuchung liegt auf den Zeiträumen einer Bewegung des zugehörigen Leitzinses in Europa und den USA. Wir haben jeweils ein Fenstern von 14 Tagen rund um den Stichtag der Zinsänderung gesetzt – 7 Tage vorher, 7 Tage im Nachgang. Nachfolgend zunächst die Auswertung für den Leitzins der EZB in Verbindung mit den Kursen des EUROSTOXX und des DAX.

Entwicklung EZB Leitzins und DAX + EURO STOXX

Entwicklung EZB Leitzins und DAX + EURO STOXX

Leitzins vs. DAX und EUROSTOXX 50

Insgesamt verzeichnen wir acht Zinssenkungen in den letzten sechs Jahren durch die EZB. In den entsprechenden Zeiträumen haben wir die generelle Trendrichtung des DAX-Kurses rot markiert. Zweimal bewegt sich der Kurs tendenziell abwärts, sechsmal geht der Trend in höhere Regionen. Zum Zeitpunkt der Leitzinssenkung lässt sich beim DAX ein gewisser Reaktionismus ausmachen, der sich in signifikanten Ausschlägen ausdrückt. Der Effekt ist indes überschaubar und verändert nichts an generellen Trend. Vielmehr lässt sich diese Bewegung auf die Bestätigung bzw. nicht Bestätigung einer Erwartungshaltung zurückführen. Wie erwähnt ist der Ausschlag nur kurzfristig. Beispiel: Am 10.3.2016 (Zinssenkung) sinkt der DAX von knapp 9.700 Punkten auf einen Schlusskurs von unter 9.500 Punkten (9.498,15). Am folgenden Tag schließt sich diese Lücke nach oben fast komplett wieder. Auch zum 4.9.2014 (Zinssenkung) gibt es einen Ausschlag, allerdings nach oben – von 9.591,43 Punkten zum Start klettert der Wert auf 9.724,26 Punkte (Schlusskurs). Dieser Peak hält noch drei Tage, bevor sich der Kurs wieder auf den monatlichen Trend einpegelt.

Erwartungshaltungen werden über längere Zeiträume aufgebaut, weshalb davon ausgegangen werden darf, dass die vermutete Entscheidung der Zentralbanken bereits deutlich vor dem Stichtag in die allgemeine Kursrichtung einfließt. Entsprechend ändert die eigentliche Entscheidung kaum etwas am eingeschlagenen Trend. Ähnlich kurze Ausschläge lassen sich auch beim EUROSTOXX 50 finden, wenngleich nicht immer. Überdies greift die Kernaussage, dass der Kurs im Trend erhalten bleibt.

Leitzins vs. DOW JONES & S&P 500

Ein Blick auf den US-Leitzins und seinen Einfluss bestätigt dieses grobe Bild. Sowohl der Dow Jones als auch der Dow Jones Composite Average weisen bestenfalls kurze Ausschläge auf, bevor sich die Richtung wieder anpasst.

Entwicklung FED-Leitzins und Dow Jones + Dow Jones Composite

Entwicklung FED-Leitzins und Dow Jones + Dow Jones Composite

Ein letzter Blick auf die Entwicklung des Dow Jones und des S&P 500 Index. Hier gibt es ebenfalls in den 14-tägige Ausschnitten rund um die Verkündung der Leitzinsen kurze Ausschläge – nach oben und unten.

Entwicklung FED Leitzins und S&P 500

Entwicklung FED Leitzins und S&P 500

Ergebnis

Wie erwähnt lassen sich rund um den Tag einer Leitzinsänderung gewisse Ausschläge bei den Indizes beobachten. In der Regel sind diese aber nicht von Dauer bzw. führen keine Trendwenden herbei. Stattdessen pendeln sich die Kurse nach kurzer Zeit wieder ein und folgen der bereits vorher eingeschlagenen Richtung. Wie diverse Experten bestätigen, werden Leitzinsänderungen vom Markt meist längerfristig vorab eingerechnet. Die auftretenden Peaks lassen sich deshalb auf einen gewissen Reaktionismus zurückführen. Hier spielen (erfüllte) Erwartungen eine starke Rolle. Eine interessante Größe an dieser Stelle wäre noch das Anlagevolumen (z. B. von Fonds) und den Einfluss der Leitzinsen auf diesen Wert. Dies betrachten wir demnächst separat. Wir weisen darauf hin, dass Kursbewegungen im Übrigen nicht monokausal sind. Die Einflussfaktoren sind vielfältig, darunter z. B. Quartalsberichte, Geschäftsentwicklungen und Unternehmensnachrichten. Mitunter treten mehrere Ereignisse zeitgleich ein bzw. bedingen sich. Und über allem steht: Anleger verhalten sich nicht immer rational.

Hintergrund und Theorie

Was sind Leitzinsen? (Definition)

Der Leitzins wird als Zinssatz definiert, zu dem sich Geschäftsbanken bei einer Zentralbank Geld leihen können. Die Höhe der Leitzinsen wird einseitig durch die jeweilige Zentralbank festgelegt. Änderungen des Zinssatzes bilden ein zentrales Instrument der Geldpolitik, da sich Geld- bzw. Kapitalmärkte direkt beeinflussen lassen. Letzteres wirkt sich auf die wirtschaftliche Entwicklung des entsprechenden Währungsraums aus, z. B. in Hinsicht auf Wirtschaftswachstum und Inflation. Leitzinserhöhungen werden steuerungstechnisch als wirtschaftlich wachstumshemmend eingestuft, Zinssenkungen dagegen als wachstumsfördernd. Um sich als Geschäftsbank bei der jeweiligen Zentralbank Geld zu leihen, müssen Sicherheiten hinterlegt werden, in der Regel in Form von Wertpapieren (Schuldverschreibungen, Pfandbriefe, Staatsanleihen etc.). Die Wertpapierhinterlegung wird anschließend geprüft und erst dann als Sicherheit anerkannt.

Wie sollte sich der Leitzins auf Aktienkurse auswirken?

Niedrige Leitzinsen führen zu niedrigen Zinsen, weshalb Anleger sich nach Alternativen umsehen. Umgekehrt sieht es bei steigenden Leitzinsen aus. Die Zinsen der Finanzinstitute klettern und das Geld wird verzinst bei Banken geparkt. Soweit die simplifizierte Theorie. Darüber hinaus sind niedrige Leitzinsen für Unternehmen gut, da sie Finanzierungen günstig gestalten. Firmen können mehr Geld aufnehmen und investieren. Kurzum: Zeiten niedriger Zinsen sollten die Kurse beflügeln. Natürlich sind die Leitzinsen nur ein Faktor, wenngleich sie sehr deutlich das Umfeld bestimmen. Auch hier gilt: Erwartungen spielen eine immense Rolle.