Wenn der Börsenkurs schneller fällt als der Ölpreis steigt: Der DAX im Stresstest

Donnerstag den 26.03.2026 - Abgelegt unter: Börse, Brokernews, International, Öl, Politik

Es hätte ein gutes Börsenjahr werden sollen. Doch der DAX erlebt im März 2026 seinen schlimmsten Absturz seit dem Ukraine-Krieg 2022. Vom Allzeithoch bei 25.500 Punkten im Januar ist der deutsche Leitindex auf unter 22.000 Punkte abgestürzt – ein Verlust von mehr als 3.500 Punkten in weniger als zwei Monaten. Der Schuldige ist schnell gefunden: Ein Krieg im Nahen Osten, der die wichtigste Ölroute der Welt blockiert, den Ölpreis um 50 Prozent nach oben katapultiert und die Europäische Zentralbank zwingt, nicht nur auf Zinssenkungen zu verzichten, sondern erstmals wieder über Zinserhöhungen nachzudenken. Für Millionen private Anleger stellen sich jetzt drei ganz konkrete Fragen: Wer noch investiert ist – soll er verkaufen und Verluste begrenzen? Wer an der Seitenlinie steht – ist das jetzt der richtige Einstiegsmoment, oder drohen weitere Kursverluste? Und wer langfristig denkt – lässt sich aus dieser Krise sogar eine Chance machen?

Das Wichtigste im Überblick

  • Der Absturz ist real: Der DAX rutschte erstmals seit dem Trump-Zoll-Schock im April 2025 unter die Marke von 22.000 Punkten – vom Allzeithoch im Januar bis zum Tiefpunkt dieser Woche sind es mehr als 3.500 Punkte Verlust, also über 13 Prozent.
  • Der Auslöser sitzt im Persischen Golf: Der Iran hat die Straße von Hormus gesperrt – jene Wasserstraße, durch die ein Drittel aller weltweiten Ölexporte fließt. Das trifft Europa deutlich härter als Amerika.
  • Die Zinswende droht sich umzukehren: Die EZB hob ihre Inflationsprognose für 2026 auf 2,6 Prozent an und senkte ihr Wachstumsziel auf 0,9 Prozent. An den Terminmärkten sind seitdem ein bis zwei Zinserhöhungen bis Jahresende eingepreist.

Vom Rekordhoch in die Korrektur – was bisher geschah

Wer den DAX-Chart der letzten zwölf Monate anschaut, sieht eine Geschichte in zwei Akten. Akt eins war glänzend: Das Jahr 2025 war das dritte positive Börsenjahr in Folge. Nach einem turbulenten Start durch Trumps Zollpläne und einem Tief bei 18.489 Punkten erholte sich der Markt rasch und beendete das Jahr bei 24.490 Punkten – ein Plus von 23 Prozent. Wer investiert blieb, wurde belohnt.

Akt zwei begann im Januar 2026 mit einem neuen Allzeithoch. Die Aufwärtsbewegung setzte sich bis auf 25.507 Punkte Mitte Januar fort, ehe eine Konsolidierung einsetzte. Seitdem dreht der Wind. Und seit dem 1. März – dem Beginn der Angriffe auf den Iran – dreht er richtig stark. Mit einem Verlust von 2,82 Prozent schloss der DAX am 19. März bei 22.839 Punkten und markierte ein neues Mehrmonatstief unter der psychologisch wichtigen 23.000-Punkte-Marke. Zu Beginn der laufenden Woche fiel der Index zeitweise sogar unter 22.000 Punkte. In weniger als zwei Monaten hat der DAX damit rund ein Sechstel seines Wertes verloren.

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Quellen:

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Warum der Iran-Krieg die Börsen so hart trifft

Kriege und Krisen hat die Börse in ihrer Geschichte viele erlebt – und sich meist schnell erholt. Warum ist dieser Konflikt so anders? Die Antwort liegt in der Geografie. Die Straße von Hormus gilt als Nadelöhr für den Welthandel: Durch sie werden rund 70 Prozent der Exporte aus der Region und ein Drittel der weltweiten Ölexporte verschifft. Der Iran hat diese Wasserstraße gesperrt. Seit dem Start der amerikanisch-israelischen Angriffe auf den Iran verteuerte sich Öl damit um mehr als 50 Prozent.

In der Nacht zum 23. März erhöhte Trump den Druck nochmals: Er drohte mit der Zerstörung iranischer Energieanlagen, sollte das Land die Straße von Hormus nicht innerhalb von 48 Stunden öffnen. Die Reaktion an den Börsen folgte auf dem Fuß – zunächst mit einem weiteren Ausverkauf, dann jedoch mit einer deutlichen Erholung: Trump verschob die angedrohten Angriffe um fünf Tage und deutete die Bereitschaft zu Gesprächen an. Der DAX sprang am Montagnachmittag zeitweise kräftig nach oben – eine klassische Erleichterungsrallye, wie sie Märkte bei jeder Entspannungsgeste auflegen.

Doch die Erholung steht auf wackligem Fundament. Der Iran dementierte jedwede Verhandlungsbereitschaft, die Angriffe dauern an, und am Dienstag, den 24. März, notierte der DAX am Vormittag bereits wieder unter 22.500 Punkten. Analysten sprechen von einer „labilen Beruhigung“ – der Markt reagiert extrem sensibel auf jede neue Schlagzeile aus Washington und Teheran. Zalando, Vonovia und Qiagen zählten am Dienstag zu den schwächsten DAX-Werten. Der VDAX, der die erwartete Schwankungsbreite des DAX misst, bleibt auf erhöhtem Niveau – ein verlässliches Barometer für die anhaltende Nervosität der Anleger.

„Je länger die Interventionen anhalten und je weiter sich die Angriffe auf andere Länder in der Region ausweiten, desto höher ist das Risiko, von einem echten, belastenden Ereignis für die Kapitalmärkte auszugehen“, warnten die Experten der Landesbank NordLB.

Hinzu kommt eine psychologische Verschiebung unter Investoren, die Handelsblatt-Redakteur Andreas Neuhaus treffend beschreibt: Zu Kriegsbeginn dominierte noch die Hoffnung auf einen schnellen, chirurgischen Militäreingriff – und die Frage, wann der beste Kaufzeitpunkt sei. Drei Wochen später hat sich die Wahrnehmung grundlegend geändert. Jetzt steht die Frage im Raum, welchen wirtschaftlichen Schaden dieser Krieg noch anrichten wird – und ob man besser verkaufen sollte.

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Das Öl-Inflation-Zins-Problem: Warum diesmal alles zusammenkommt

Wer verstehen will, warum der DAX gerade so heftig reagiert, muss drei Dinge gleichzeitig denken: Ölpreis, Inflation und Zinsen. Sie sind miteinander verkettet – und alle drei entwickeln sich gerade in die falsche Richtung für Aktienanleger.

Hohes Öl bedeutet höhere Kosten für Unternehmen und Verbraucher. Höhere Kosten bedeuten mehr Inflation. Mehr Inflation bedeutet, dass die Europäische Zentralbank die Zinsen nicht senken kann – oder im schlimmsten Fall sogar wieder erhöhen muss. Und steigende Zinsen sind für Aktien Gift, weil dann sichere Anleihen plötzlich wieder attraktiv werden und Unternehmenskredite teurer werden.

Genau dieses Szenario zeichnet sich ab. Die EZB ließ ihren Einlagenzins am 19. März bei 2,0 Prozent unverändert, hob aber ihre Inflationsprognose für 2026 auf 2,6 Prozent an – gegenüber 1,9 Prozent noch im Dezember. Das Wachstumsziel für das laufende Jahr senkte sie auf magere 0,9 Prozent. Experten erinnert das an 2022, als mit Beginn des Ukraine-Krieges eine Energiepreis-Rally entfacht wurde, die zu einem massiven Teuerungsschub führte. Die Notenbanken sahen sich damals gezwungen, mit deutlichen Leitzinserhöhungen gegenzusteuern – was wie Gift für den DAX wirkte.

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Quellen:

Wer verliert, wer gewinnt – der Blick in den DAX

Nicht alle 40 DAX-Werte sind gleich betroffen. Exporteure wie Volkswagen (ISIN: DE0007664039), BMW (ISIN: DE0005190003) oder BASF (ISIN: DE000BASF111) sehen ihre Margen gedrückt, da steigende Ölpreise Produktionskosten heben und gleichzeitig die globale Nachfrage dämpfen. Finanzwerte und Versicherer spüren den Inflationsdruck, der die Zinserwartungen verschiebt.

Auf der Gewinnerseite stehen Rüstungsunternehmen und Energieversorger. Rheinmetall (ISIN: DE0007030009) hebt seine Dividende von 8,10 Euro auf 11,50 Euro je Aktie an – ein Plus von rund 42 Prozent. Damit spiegelt sich das boomende Rüstungsgeschäft wider, das infolge der gestiegenen Verteidigungsausgaben in Europa erheblichen Rückenwind erhält.

Eine Überraschung liefert Gold: Normalerweise gilt das Edelmetall in Krisenzeiten als sicherer Hafen. Doch diesmal funktioniert das nicht. Seit dem Start der Angriffe auf den Iran büßte der Goldpreis mehr als 18 Prozent ein, nachdem er in den ersten Kriegstagen noch bis auf fast 5.420 Dollar gestiegen war. Steigende Inflationserwartungen und ein stärkerer Dollar drücken den Preis – ein für viele Anleger ungewohntes Bild.

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Die Stimmung ist am Boden – was die Zahlen verraten

Ein wichtiger Frühindikator für die wirtschaftliche Lage ist der ZEW-Konjunkturerwartungsindex, der monatlich rund 300 Finanzexperten befragt. Der ZEW-Index ist von 58,3 auf minus 0,5 gefallen – Experten hatten lediglich mit einem Rückgang auf 39 Punkte gerechnet. Ein stärkerer Einbruch als erwartet – und ein klares Warnsignal für die Konjunktur.

Europäische und asiatische Volkswirtschaften leiden dabei stärker als die USA. Amerika produziert dank seiner Schieferöl-Vorkommen einen erheblichen Teil seines Energiebedarfs selbst und ist damit weit weniger abhängig von Importen durch die Straße von Hormus. Das erklärt, warum US-Börsen derzeit deutlich stabiler dastehen als der DAX.

Was spricht trotzdem für den DAX?

So düster das Bild aktuell wirkt – es gibt handfeste Argumente, die für einen mittelfristigen Einstieg sprechen. Erstens die Bewertung: Das Kurs-Gewinn-Verhältnis des amerikanischen S&P-500-Index liegt bei ca. 27,4 – und damit etwa 50 Prozent höher als das des DAX. Deutsche Aktien sind im globalen Vergleich also erheblich günstiger bewertet.

Zweitens die Dividenden: Die durchschnittliche Dividendenrendite im DAX liegt bei rund 3 Prozent – deutlich über den aktuellen Renditen von Tages- und Festgeld. 29 der 40 DAX-Unternehmen werden ihre Dividenden 2026 erhöhen, nur vier kürzen. Die höchsten Renditen von 4,5 Prozent und mehr bieten Allianz, Hannover Rück, Mercedes und BASF.

Drittens die Fiskalpolitik: Impulse durch höhere Staatsausgaben für Infrastruktur, Sicherheit und Verteidigung wirken positiv. Bereits jetzt „trägt die expansive Fiskalpolitik erste Früchte“, betonte Birgit Henseler von der DZ Bank. Verteidigungsausgaben, Infrastrukturprogramme und Rüstungsinvestitionen fließen direkt in die Taschen vieler DAX-Konzerne.

Lohnt sich ein Einstieg – und wenn ja, für wen?

Die ehrliche Antwort lautet: Es kommt ganz darauf an, wie lang der Anlagehorizont ist.

Wer langfristig denkt – also mindestens fünf Jahre – findet heute deutlich günstigere Einstiegskurse als noch Anfang des Jahres. Wer nicht alles auf einmal investiert, sondern in mehreren Tranchen kauft, senkt sein Risiko zusätzlich. Sollte es keine weiteren negativen Überraschungen bei Geopolitik, Inflation oder Zinsen geben, könnte der DAX durchaus auf neue Höchstwerte klettern.

Wer mittelfristig denkt – also ein bis drei Jahre – sollte die technischen Warnsignale ernst nehmen. In politisch unsicheren Zeiten kann es nicht schaden, bestehende Positionen mit ausreichend weiten Stopps abzusichern. Die charttechnische Unterstützung liegt bei rund 22.072 Punkten – fällt der DAX dauerhaft darunter, könnte es weiter bergab gehen.

Wer kurzfristig handelt, bewegt sich allerdings auf vermintes Terrain: Statistisch ist in den nächsten Handelstagen mit einer hohen Wahrscheinlichkeit mit einem weiteren Kursrückgang des Index zu rechnen. Ohne klare Entspannung im Nahen Osten ist das Abwärtsrisiko weiterhin dominant – auch wenn zwischenzeitliche Erholungsrallyes wie die vom Montag immer wieder für verführerische Kaufsignale sorgen.

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Fazit: Ruhe bewahren – aber auf das richtige Signal warten

Der DAX steckt in einer echten Krise – das lässt sich nicht schönreden. Der Iran-Krieg hat einen perfekten Sturm ausgelöst: explodierender Ölpreis, steigende Inflation, blockierte Zinssenkungen, einbrechende Konjunkturerwartungen. Europa trifft es härter als Amerika, der DAX mit seiner Schwergewichtung auf Industrie und Automobil besonders hart.

Was die aktuelle Lage zusätzlich erschwert: Der Markt reagiert nicht mehr rational, sondern getrieben von stündlich wechselnden Schlagzeilen. Trumps Drohungen, seine Kehrtwenden, Irans Dementis – all das sorgt für einen „Wild Ride“, bei dem selbst erfahrene Anleger die Orientierung verlieren. Die kurze Erholung vom Montag hat gezeigt, wie schnell sich die Stimmung drehen kann – und wie wenig sie trägt, wenn die fundamentale Unsicherheit bleibt.

Bemerkenswert ist dabei, was der Markt aktuell noch nicht zeigt: echte Kapitulation. Solange Anleger mehrheitlich abwarten statt verkaufen, fehlt der finale Tiefpunkt, der klassischerweise den Startschuss für eine nachhaltige Erholung gibt. Handelsblatt-Redakteur Andreas Neuhaus bringt es auf den Punkt: Die Börsen haben einen Punkt erreicht, an dem ihnen etwas mehr Panik sogar helfen würde. Wer auf dieses Signal wartet, bevor er einsteigt, agiert strategisch klüger als jemand, der jetzt schon den Boden ausruft.

Die alles entscheidende Frage der kommenden Wochen bleibt: Wie lange bleibt die Straße von Hormus gesperrt – und führen die angedeuteten Verhandlungen zu einem echten Waffenstillstand? Eine glaubwürdige Öffnung der Route würde den Ölpreis sofort drücken, die Inflationsangst mildern und den Weg für eine DAX-Erholung Richtung 24.000 bis 25.500 Punkte freimachen. Eine erneute Eskalation hingegen würde den Druck auf die 21.000-Punkte-Marke erhöhen.

Für private Anleger gilt jetzt: Defensiv ausgerichtete Portfolios mit dividendenstarken Werten aus Energie, Telekommunikation und Rüstung sind besser aufgestellt als reine Wachstumswetten. Wer Geduld mitbringt, findet in dieser Schwächephase langfristig attraktive Einstiegsmöglichkeiten – aber ohne Eile. Der Markt wird noch Zeit geben.

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Quellen und weiterführende Links

  • Finanzen.net – Aktuelle DAX-Kurse, Marktberichte und EZB-Zinsentscheid: finanzen.net/index/dax
  • WirtschaftsWoche – Iran-Krieg belastet DAX, Marktbericht aktuell: wiwo.de
  • Handelsblatt – DAX: Warum etwas mehr Panik dem Aktienmarkt helfen würde (Andreas Neuhaus, 22.03.2026): handelsblatt.com
  • Börse Online – Börsenticker zum Iran-Krieg, Live-Updates: boerse-online.de
  • LYNX Broker – DAX-Prognose 2026, Fundamentalanalyse und Kursziele: lynxbroker.de
  • DZ Bank – Technische DAX-Tagesanalyse: dzbank-wertpapiere.de
  • Das Investment – DAX-Dividendenkalender 2026, alle 40 Werte im Überblick: dasinvestment.com
  • Börse Express – DAX, EZB und Hexensabbat: Analyse zum Verfallstag: boerse-express.com
  • Duratio – EZB-Zinsprognose 2026, aktuelle Leitzinsentwicklung: duratio.de

Hinweis: Dieser Artikel dient ausschließlich der Information und stellt keine Anlageberatung dar. Alle Kursangaben und Einschätzungen basieren auf öffentlich verfügbaren Quellen zum Stand 25. März 2026. Investitionen in Aktien sind mit Risiken verbunden – insbesondere in geopolitisch unsicheren Marktphasen.