Delivery Hero im Übernahmekampf: Uber erhöht den Druck

Es begann mit einem diskreten Anteilsaufbau und endet möglicherweise mit einem der größten Übernahmedeals der europäischen Tech-Geschichte: Der US-Fahrdienstvermittler Uber hat offiziell ein Übernahmeangebot für Delivery Hero unterbreitet – und plant Berichten zufolge bereits, seine erste Offerte deutlich nachzubessern. Doch der Weg zur Komplettübernahme des Berliner Essenslieferdienstes ist steinig: Kartellrechtliche Hürden, widerspenstige Großaktionäre und ein mögliches Gegenangebot von DoorDash machen aus dem Deal ein strategisches Schachspiel mit offenem Ausgang. Nicht ausgeschlossen ist, dass Delivery Hero am Ende nicht als Ganzes übernommen, sondern schlicht zerschlagen wird.
Das Wichtigste im Überblick
- Ubers erstes Angebot abgelehnt: 33 Euro je Aktie (~10 Mrd. € Bewertung) reichten den Großaktionären Prosus und Aspex nicht – beide fordern mindestens 40 Euro. Ubers Board tagte am Wochenende über eine Nachbesserung.
- Uber ist bereits größter Einzelaktionär: Der Konzern hält 19,5 % des Grundkapitals plus 5,6 % über Optionen. Bei Überschreitung der 30-%-Schwelle greift nach deutschem Übernahmerecht die Pflicht zum Angebot an alle Aktionäre.
- Zerschlagung als realistisches Szenario: Ein gemeinsames Angebot von Uber und DoorDash mit anschließender Aufteilung könnte kartellrechtliche Hürden umgehen. DoorDash soll vor allem an der Nahostsparte interessiert sein – Talabat, HungerStation und Yemeksepeti.
Wie Uber die Machtposition bei Delivery Hero aufgebaut hat
Der Anteilsaufbau von Uber verlief in bemerkenswert kurzer Zeit. Im April 2026 kaufte der Konzern zunächst rund 4,5 % des Delivery-Hero-Kapitals von Prosus – 13,6 Millionen Aktien zu je 20,00 Euro, ein Paket im Wert von rund 270 Millionen Euro. Im Mai folgte weiterer Zukauf, diesmal unter anderem über Derivate, bei dem die US-Bank Morgan Stanley als Intermediär fungierte. Laut einer Pflichtmitteilung hält Morgan Stanley indirekt über Finanzinstrumente inzwischen über 30 % der Stimmrechte – ein Posten, der Uber faktisch zugerechnet werden dürfte.
Das Vorgehen hatte taktisches Kalkül: Am vergangenen Montag – noch vor Unterbreitung des formellen Angebots – versicherte Uber den Delivery-Hero-Aktionären, dass man „derzeit“ keine Absicht habe, weitere Anteile zu erwerben. Wenige Tage später folgte die Übernahmeofferte. Ein klassischer Schachzug, um eine vorzeitige Pflichtangebotsgrenze zu vermeiden.
Niklas Östberg, Gründer und langjähriger CEO von Delivery Hero, hat in diesem Kontext bereits das Feld geräumt. Der aktivistische Großaktionär Aspex Management, ein Hongkonger Hedgefonds, hatte monatelang Druck aufgebaut – und setzte schließlich Östbergs Ablösung durch. Er soll spätestens 2027 das Unternehmen verlassen. Für Aspex ist die Strategie klar: maximaler Verkaufspreis in möglichst kurzer Zeit.
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Warum ein Deal so kompliziert ist – das Kartellrecht als Bremse
Selbst wenn sich Uber und die Großaktionäre auf einen Preis einigen sollten, ist die regulatorische Hürde enorm. Analysten von Jefferies haben die geografischen Überschneidungen kartiert: Uber und Delivery Hero sind in insgesamt 22 Ländern direkt Wettbewerber, neun davon in Europa. DoorDash überschneidet sich mit Delivery Hero sogar in 18 Märkten – 14 davon auf europäischem Boden.
Dass die EU-Wettbewerbsbehörde in diesem Segment besonders genau hinschaut, hat Delivery Hero bereits am eigenen Leib erfahren. Als Prosus die Übernahme von Just Eat Takeaway ankündigte und gleichzeitig größter Einzelaktionär von Delivery Hero war, verpflichtete Brüssel den Investor, seinen Anteil an Delivery Hero auf unter zehn Prozent zu reduzieren. Genau jenes Prosus-Paket landete letztendlich – zu günstigem Preis – bei Uber.
Zudem hat Prosus nun seinerseits bei der EU-Kommission beantragt, von der noch laufenden Abbaupflicht entbunden zu werden. Der Hintergrund: Da Uber nun ein Übernahmeangebot prüft, will Prosus seinen verbliebenen Anteil von rund 17 % nicht länger zu Schleuderpreisen verkaufen müssen – sondern ihn im Rahmen eines Deals zu 40 Euro oder mehr veräußern.
DoorDash als Joker – gemeinsames Angebot mit Aufteilung denkbar
Ein zweiter Bieter könnte das ohnehin komplexe Szenario noch weiter komplizieren – oder paradoxerweise vereinfachen. Laut der Financial Times soll DoorDash, nach der Übernahme von Deliveroo einer der größten Essenslieferdienste weltweit, Gespräche mit Delivery Hero geführt haben. DoorDash zeigt sich besonders an der Nahostsparte interessiert: Talabat, die regionale Plattform, sowie HungerStation in Saudi-Arabien und Yemeksepeti in der Türkei gelten als hochprofitabel und wachstumsstark.
Jefferies-Analysten halten deshalb ein gemeinsames Angebot von Uber und DoorDash mit anschließender Aufteilung des Konzerns für denkbar. Uber würde dann das Europa- und Lateinamerikageschäft übernehmen, DoorDash das Nahost-Portfolio einstreichen. Dieses Modell würde kartellrechtlich weniger Reibung erzeugen – und könnte gleichzeitig beide Bieter günstiger zum Ziel bringen als eine Einzelübernahme. Die Komplexität eines solchen Deals wäre allerdings erheblich.
Was die Bewertungsfrage angeht, herrscht zwischen den Lagern derzeit wenig Einigkeit. Uber zahlte für sein erstes Aktienpaket von Prosus lediglich 20,00 Euro – eine Summe, die Aspex nach eigenen Angaben inakzeptabel findet. Die Investmentbank JPMorgan hat ihr Kursziel auf 28 Euro festgesetzt und die Aktie auf „Overweight“ eingestuft, was immer noch deutlich unter der Mindestforderung der Großaktionäre liegt.
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Was das für Anleger bedeutet – Chancen und Risiken im Bieterprozess
Für Aktionäre von Delivery Hero ist die Situation von ungewöhnlich hoher Unsicherheit geprägt – und gleichzeitig von erheblichem Kurspotenzial, sofern sich ein Bieterwettstreit entfacht. Die Aktie hat seit Bekanntwerden der Übernahmeabsichten eine kräftige Rallye hingelegt und notiert auf dem höchsten Stand seit Ende 2024.
Entscheidend wird die 30-Prozent-Schwelle: Sollte Uber diese Grenze überschreiten, greift die deutsche Übernahmerechtspflicht zu einem Pflichtangebot an alle Aktionäre. Das gibt auch Kleinanlegern theoretisch die Möglichkeit, zu den dann geltenden Konditionen zu verkaufen. Solange das Angebot jedoch unter der Preiserwartung der Großaktionäre liegt, dürfte der Prozess stocken.
Die größten Risiken im laufenden Bieterprozess: Ein Rückzug von Uber oder DoorDash würde die Aktie empfindlich treffen. Regulatorische Interventionen der EU-Kommission könnten einen Deal auf Jahre verzögern oder ganz verhindern. Und ein möglicher Streit zwischen Prosus und Aspex über die Angebotsbewertung könnte den Prozess zusätzlich lähmen.
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Fazit: Übernahme, Aufteilung oder Hängepartie?
Der Übernahmekampf um Delivery Hero ist mehr als ein gewöhnlicher M&A-Prozess – er ist ein Spiegelbild der globalen Konsolidierung im Food-Delivery-Markt, in dem Skalierung über Profitabilität geht und kritische Marktmacht in wenigen Händen konzentriert wird. Ob Uber am Ende ein Komplettangebot zu 40 Euro oder mehr durchbringt, hängt von drei Variablen ab: der Kompromissbereitschaft von Prosus und Aspex, dem Verhalten der EU-Wettbewerbsbehörde – und davon, ob DoorDash als ernsthafter Gegenbieter oder nur als taktisches Druckmittel auftritt. Eine Zerschlagung des Berliner Konzerns ist dabei kein Worst-Case-Szenario, sondern für manche Beteiligte die bevorzugte Lösung. Für Anleger bleibt das Papier ein hochspekulativer Wert mit erheblichem Potenzial nach oben – und vergleichbarem Risiko nach unten.
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Quellen und weiterführende Links
- Handelsblatt: Delivery Hero droht die Zerschlagung (25.05.2026)
- WirtschaftsWoche: Uber-Angebot treibt Delivery-Hero-Aktie auf Rekordhoch (26.05.2026)
- MarketScreener: Uber könnte Angebot für Delivery Hero nachbessern – Jefferies-Analyse (25.05.2026)
Hinweis: Dieser Artikel dient ausschließlich der Information und stellt keine Anlageberatung dar. Alle Angaben basieren auf öffentlich verfügbaren Quellen zum Stand Mai 2026. Investitionen in Aktien sind mit Risiken verbunden – insbesondere in laufenden Übernahmeprozessen mit ungewissem Ausgang.
Erstellt am 29.05.2026, zuletzt aktualisiert am 29.05.2026


