Pictet-Experte warnt: Dollar dürfte weiter abwerten, US-Anleihen drohen höhere Aufschläge

Der Dollar hat seit Jahresbeginn spürbar an Wert verloren – und ein Ende dieser Entwicklung ist nach Einschätzung eines der bekanntesten Anleihe-Experten Europas nicht in Sicht. Raymond Sagayam, Teilhaber der Schweizer Privatbank Pictet, sieht in der rasant steigenden US-Staatsverschuldung das größte Risiko für Investoren weltweit. Im Zusammenspiel mit hartnäckiger Inflation entstehe daraus, so Sagayam, ein „toxisches Gemisch“ für die Weltwirtschaft. Für Anlegerinnen und Anleger in Europa hat diese Einschätzung durchaus praktische Konsequenzen, denn sie betrifft sowohl Aktien- und Anleihen-Portfolios als auch Fremdwährungsengagements im Dollarraum.
Das Wichtigste in Kürze
- Der US-Dollar dürfte laut Pictet-Experte Raymond Sagayam über die Zeit gegenüber anderen Währungen weiter an Wert verlieren.
- Hohe Staatsverschuldung und anhaltende Inflation in den USA gelten als zentrale Risikofaktoren für Anleihe- und Aktienmärkte.
- Am langen Ende der US-Zinskurve zeichnen sich steigende Risiko- und Laufzeitaufschläge ab, während die Rendite zehnjähriger Treasuries zuletzt bei rund 4,56 Prozent notierte.
Staatsverschuldung und Inflation als „toxisches Gemisch“
Sagayam, der bei Pictet das Asset Management mitleitet, ordnet die Lage in den USA deutlich vorsichtiger ein als noch vor wenigen Jahren. Aus seiner Sicht kann sich niemand mehr darauf verlassen, dass auf jeden Kurseinbruch automatisch die nächste Erholungsrally folgt. Hintergrund ist die Kombination aus struktureller Neuverschuldung des amerikanischen Staates und einer Inflation, die sich hartnäckiger hält als von vielen Notenbankern erwartet. Beides zusammen erschwert es professionellen Investoren zunehmend, ihre Portfolios gegen Krisen abzusichern – ein Thema, das Sagayam im Interview besonders betont.
Warum der Dollar strukturell unter Druck bleibt
Die Erwartung einer fortgesetzten Dollar-Abwertung ist kein neues Argument in Sagayams Analysen, gewinnt angesichts der aktuellen Zahlen aber an Gewicht. Schon in früheren Interviews hatte der Pictet-Partner auf den weltweiten Wunsch nach „Ent-Amerikanisierung“ hingewiesen: Immer mehr Staaten – insbesondere aus dem Kreis der Schwellenländer – suchen nach Wegen, Handelsgeschäfte zunehmend abseits des Dollars abzuwickeln. Das mindert strukturell die globale Nachfrage nach der US-Währung. Gleichzeitig ziehen sich professionelle Anleger nach Einschätzung Sagayams zunehmend, wenn auch eher leise, aus einer historisch hohen Übergewichtung amerikanischer Anlagen zurück und verteilen ihr Kapital breiter über Regionen wie Europa und Asien.
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Steigende Aufschläge bei US-Anleihen im Blick
Besonders aufschlussreich ist der Blick auf den US-Anleihemarkt selbst. Die Rendite zehnjähriger US-Staatsanleihen lag Mitte Juli bei rund 4,56 Prozent und damit spürbar über dem Niveau des Vorjahres. Marktbeobachter verweisen zunehmend auf ein steigendes „Term Premium“ – jenen Renditeaufschlag, den Investoren für das Risiko verlangen, Kapital über lange Laufzeiten in US-Papieren zu binden. Als Treiber gelten das hohe Nettoangebot an neuen Treasuries, die strukturell wachsende Schuldenquote sowie Zweifel daran, ob die US-Notenbank kurzfristig für spürbare Entlastung sorgen kann. Hinzu kommt: Allein im laufenden Fiskaljahr nimmt das US-Finanzministerium monatlich rund 155 Milliarden US-Dollar an neuen Schulden auf – eine Größenordnung, die den Markt zwingt, laufend neue Anleihen zu absorbieren, was tendenziell auf die Kurse drückt und die Renditen stützt.
Einzelne Analysehäuser rechnen für das laufende Jahr sogar mit Renditen nahe einem Zwanzig-Jahres-Hoch am langen Ende der Zinskurve, sollten sich Inflationssorgen und geopolitische Risiken – etwa im Zusammenhang mit dem Nahen Osten und steigenden Ölpreisen – weiter verschärfen. Auffällig ist zudem, dass ausländische Großinvestoren, etwa aus Japan, ihre US-Anleihebestände zunehmend kritisch prüfen, seitdem heimische Anleihen dort wieder attraktivere Renditen bieten. Verschiebt sich internationales Kapital tatsächlich stärker weg von Treasuries, könnte das den Aufwärtsdruck auf die Risikoaufschläge zusätzlich verstärken. Für Investoren bedeutet das in Summe: Wer US-Staatsanleihen hält oder neu kauft, sollte höhere Risikoaufschläge, eine erhöhte Volatilität und ein strukturell steileres lange Ende der Zinskurve einkalkulieren – und nicht allein auf das reine Zinsniveau schauen.
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Konsequenzen für Anlegerinnen und Anleger
Für Sagayam ergibt sich daraus eine klare Konsequenz: Wer sein Portfolio auf die kommenden Jahre ausrichtet, sollte die einseitige Fixierung auf US-Vermögenswerte überdenken. Chancen sieht er unter anderem in asiatischen Wertpapieren, während Europa aus seiner Sicht von einem enormen fiskalischen Impuls profitieren könnte, etwa durch höhere Verteidigungs- und Infrastrukturausgaben. Für Privatanleger in Deutschland heißt das konkret: Wechselkursrisiken bei Dollar-Investments genauer im Blick behalten, US-Anleihen nicht unreflektiert als „sicheren Hafen“ behandeln und stattdessen stärker auf eine regionale Streuung des Portfolios setzen. Wer beispielsweise über ETFs oder Fonds in US-Staatsanleihen investiert ist, sollte prüfen, ob eine Währungsabsicherung sinnvoll ist – denn ein schwächerer Dollar schmälert sonst auch bei stabilen oder leicht steigenden Anleihekursen die Rendite in Euro gerechnet. Auch bei Aktienquoten kann sich ein Blick auf europäische und asiatische Alternativen lohnen, statt die Portfoliogewichtung unreflektiert an US-Indizes zu koppeln.
Fazit
Ob sich Sagayams Einschätzung eins zu eins bewahrheitet, bleibt offen – seine Argumentation zu Schuldenlast, Inflation und globaler Diversifizierung trifft jedoch einen Nerv, den auch andere Marktteilnehmer derzeit spüren. Wer als Anleger auf Nummer sicher gehen will, kommt an einer kritischen Prüfung seiner Dollar- und US-Anleihe-Positionen aktuell kaum vorbei.
Quellen und weiterführende Links
- Handelsblatt: Interview mit Raymond Sagayam zur Dollar-Abwertung
- IT Boltwise: US-Staatsanleihen – Renditen kurz vor 20-Jahres-Hoch
- Trading Economics: Aktuelle Rendite 10-jähriger US-Staatsanleihen
Hinweis: Dieser Artikel dient ausschließlich der Information und stellt keine Anlageberatung dar. Alle Kursangaben und Einschätzungen basieren auf öffentlich verfügbaren Quellen zum Stand Juli 2026. Investitionen in Aktien sind mit Risiken verbunden – insbesondere in geopolitisch unsicheren Marktphasen.
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