Grünes Geld in der Krise: Warum Anleger massenhaft aus ESG-Fonds flüchten

Freitag den 22.05.2026 - Abgelegt unter: Brokernews, Fonds, Nachhaltig, Trends

Es war lange die Erfolgsgeschichte des modernen Investierens: Nachhaltige Fonds zogen Jahr für Jahr Milliarden an, die Branche wuchs rasant, und das Schlagwort ESG – für Environment, Social, Governance – schien auf dem Weg zu sein, das Standardmodell des Kapitalmarkts umzuschreiben. Doch 2025 hat dieses Bild einen tiefen Riss bekommen. Laut dem aktuellen Global Sustainable Fund Review von Morningstar zogen Anleger weltweit netto 84 Milliarden US-Dollar aus nachhaltigen Fonds ab – und damit so viel wie noch nie seit Beginn der Aufzeichnungen im Jahr 2018. Was 2024 noch mit Nettomittelzuflüssen von 38 Milliarden US-Dollar als Erholungsjahr galt, ist 2025 in sein Gegenteil verkehrt worden. Die Frage, die Anleger, Berater und Fondsgesellschaften gleichermaßen beschäftigt: Ist das eine vorübergehende Delle – oder das Ende eines Jahrzehnts grüner Euphorie?

Das Wichtigste im Überblick

  • Historische Trendwende: 2025 war das erste Jahr mit globalen Netto-Jahresabflüssen aus ESG-Fonds seit Beginn der Morningstar-Erfassung 2018 – weltweit wurden netto 84 Milliarden US-Dollar abgezogen, nach +38 Milliarden US-Dollar Zuflüssen im Vorjahr.
  • Deutschland im Zwiespalt: Artikel-8- und Artikel-9-Fonds verwalteten zum Jahresende 2025 rund 1,25 Billionen Euro. ESG-Publikumsfonds mussten laut BVI Abflüsse von 6,2 Milliarden Euro hinnehmen, während konventionelle Fonds je rund 45 Milliarden Euro Nettozuflüsse einsammelten.
  • Vermögen wächst trotzdem: das globale Fondsvermögen nachhaltiger Produkte stieg im vierten Quartal 2025 um rund vier Prozent auf 3,9 Billionen US-Dollar – getrieben durch Kursgewinne an den Aktienmärkten, nicht durch neues Anlegerkapital.

Ein Abflussjahr ohne Beispiel – die nüchternen Zahlen

Die Morningstar-Studie zeichnet ein klares Bild: Im dritten Quartal 2025 erreichten die globalen Abflüsse mit fast 55 Milliarden US-Dollar ihren Höhepunkt, bevor sie im vierten Quartal auf rund 27 Milliarden US-Dollar zurückgingen. Alle drei großen Anlageregionen – Europa, die USA und der Rest der Welt – verzeichneten in beiden Quartalen Nettomittelabflüsse. Für die USA war es bereits das dritte Jahr in Folge mit Jahresabflüssen; für Europa und den Rest der Welt markierte 2025 hingegen das erste Mal überhaupt.

Zum Vergleich: Der globale Fondsmarkt insgesamt erzielte 2025 Nettozuflüsse von fast 1,7 Billionen US-Dollar. Nachhaltige Fonds stehen damit in einem immer stärkeren Missverhältnis zum Mainstream – und das, obwohl sie allein in Europa rund 20 Prozent des Universums aller offenen Fonds und ETFs ausmachen, verglichen mit nur einem Prozent in den USA.

Hortense Bioy, Leiterin des Sustainable Investing Research bei Morningstar Sustainalytics, ordnet die Zahlen differenziert ein. Die Abflüsse seien teils durch einen Sondereffekt verzerrt: Große institutionelle Investoren, insbesondere aus Großbritannien, hätten Vermögen aus handelsüblichen ESG-Poolfonds in maßgeschneiderte ESG-Segregated-Mandate umgeschichtet, um mehr Kontrolle über ihre Anlagen zu erlangen.

Dennoch betont Bioy: „Auch unabhängig von diesem Sondereinfluss bleibt das allgemeine Umfeld schwierig. Anhaltender Gegenwind durch geopolitische Spannungen, die vielerorts zu beobachtende Gegenreaktion auf ESG, regulatorische Rückschritte und uneinheitliche Ergebnisse belasten die Investmentbereitschaft der Anleger.“

Surftipp: Grüne Geldanlage: So geht nachhaltiges investieren

Der deutsche Markt: Zwischen Volumen-Stabilität und Nachfrageflaute

Für deutsche Anleger ist der Blick auf die heimischen Zahlen besonders aufschlussreich – und ambivalent. Laut Daten des Fondsverbands BVI verwalteten Fonds nach Artikel 8 und Artikel 9 der EU-Offenlegungsverordnung (SFDR) zum Jahresende 2025 insgesamt rund 1,25 Billionen Euro. Das klingt zunächst nach Stabilität. Doch der Blick hinter die Kulissen zeigt: Dieses Volumen ist in erster Linie das Ergebnis positiver Marktentwicklungen – nicht frischer Anlegergelder.

Bei Publikumsfonds, also den Produkten für Privatanleger, zogen Anleger per Saldo 6,2 Milliarden Euro ab. Spezialfonds – das institutionelle Segment – konnten zwar noch Nettozuflüsse von 7,8 Milliarden Euro verbuchen, doch auch das ist mager im Vergleich: Konventionelle Fonds kamen im gleichen Zeitraum jeweils auf rund 45 Milliarden Euro Nettozuflüsse. Der Rückstand nachhaltiger Fonds beim Neugeschäft ist damit eklatant.

Noch deutlicher fiel das Bild im ersten Halbjahr 2025 aus: ESG-Publikumsfonds verzeichneten laut BVI Abflüsse von 1,3 Milliarden Euro, während konventionelle Pendants rund 50 Milliarden Euro an neuen Mitteln einsammelten. Das Anlagevolumen nachhaltiger Investmentfonds in Deutschland hatte sich zwar laut Daten des Umweltbundesamts von 2014 bis 2024 auf rund 550 Milliarden Euro verzehnfacht – doch von dieser Wachstumsdynamik ist derzeit wenig zu spüren.

Vier Kräfte, die den Gegenwind erzeugen

Warum verliert das grüne Sparen gerade so stark an Schwung? Die Morningstar-Experten identifizieren ein Bündel an Ursachen, das sich gegenseitig verstärkt.

Geopolitik und die Rüstungsdebatte: Der russische Angriffskrieg auf die Ukraine und die neue sicherheitspolitische Realität in Europa haben eine bis dahin kaum vorstellbare Frage aufgeworfen: Kann Verteidigung nachhaltig sein? In Deutschland hat der BVI Ende 2024 das ESG-Zielmarktkonzept angepasst und den pauschalen Ausschluss von Rüstungsunternehmen gestrichen. Die Folge ist messbar: Der nach Vermögen gewichtete Anteil von Unternehmen aus dem Bereich Luft- und Raumfahrt sowie Rüstung in aktiv verwalteten Artikel-8-Aktienfonds stieg von 0,8 Prozent Ende 2024 auf 1,3 Prozent Mitte 2025. Bei Fonds mit Fokus auf deutsche Aktien sogar auf 4,6 Prozent. Unternehmen wie Airbus oder Rheinmetall rücken zunehmend in ESG-Portfolios – was konservative Nachhaltigkeitsanleger verunsichert, und das Profil mancher Produkte verwässert.

Regulatorische Unsicherheit: Die EU-Offenlegungsverordnung (SFDR) steht vor einer Grundüberarbeitung. Neue Produktkategorien sollen Klarheit schaffen, Greenwashing begrenzen und die Berichtspflichten reduzieren. Doch bis die Reform greift, herrscht Unsicherheit – und Unsicherheit hemmt Investitionen. Sinnbild für die Verwirrung: Allein seit Januar 2024 wurden laut Morningstar mindestens 1.450 Artikel-8- und Artikel-9-Fonds umbenannt, rund 31 Prozent aller betroffenen Produkte. Im dritten Quartal 2025 allein wurden 121 Fonds umbenannt – 64 davon strichen ESG-bezogene Begriffe ersatzlos.

Performance-Enttäuschungen: ESG-Fonds haben in den vergangenen Jahren nicht selten schlechter abgeschnitten als konventionelle Pendants – vor allem weil Energie- und Rüstungsaktien, die in klassischen Nachhaltigkeitsstrategien ausgeschlossen werden, stark gestiegen sind. Wer auf Nachhaltigkeit setzte, büßte damit vielerorts Rendite ein. Laut BVI-Daten weisen Artikel-8- und Artikel-9-Fonds zwar im Durchschnitt geringere ESG-Risiken auf als konventionelle Produkte, doch kurzfristige Performancerückstände überzeugen viele Anleger nicht.

Anti-ESG-Stimmung: Besonders aus den USA, aber zunehmend auch in Europa, weht ein politischer Gegenwind. Republikanische Bundesstaaten haben ESG-Kriterien als politisch motiviert kritisiert, und institutionelle Anleger stehen unter wachsendem Druck, Nachhaltigkeitskriterien zu hinterfragen. Diese Stimmung schwappt auch auf den deutschen und europäischen Markt über und schlägt sich in der Anlagebereitschaft nieder.

Breit diversifiziert mit ETFs investieren

Artikel-9-Fonds unter besonderem Druck – Artikel-8 mit leichter Gegenbewegung

Innerhalb der ESG-Fondswelt gibt es erhebliche Unterschiede, je nachdem, wie ambitioniert die Nachhaltigkeitsstrategie eines Fonds ist. Besonders hart trifft es die sogenannten „dunkelgrünen“ Artikel-9-Fonds, die nach der SFDR die strengsten Nachhaltigkeitsziele verfolgen müssen. Im dritten Quartal 2025 verzeichneten sie das achte Quartal in Folge Nettomittelabflüsse – und die stiegen von 1,4 Milliarden Euro im Vorquartal auf 7,1 Milliarden Euro, eine Verfünffachung innerhalb von drei Monaten.

Artikel-8-Fonds – die „hellgrünen“ Produkte mit Nachhaltigkeitsmerkmalen – zeigten hingegen im dritten Quartal 2025 noch Nettozuflüsse von geschätzt 75 Milliarden Euro (nach 47 Milliarden Euro im Vorquartal). Allerdings: Artikel-6-Fonds ohne explizite Nachhaltigkeitsanforderungen zogen im selben Zeitraum 134 Milliarden Euro an – trotz eines geringeren Gesamtanteils am EU-Fondsvermögen. Der Abstand wächst. Produktseitig lässt sich ebenfalls eine Eintrübung beobachten: Im vierten Quartal 2025 wurden weltweit nur noch 40 neue nachhaltige Fonds aufgelegt – ein deutliches Zeichen dafür, dass auch die Anbieter zurückhaltender geworden sind.

Das Paradox: Vermögen wächst, Interesse schwindet

Trotz allem steigt das verwaltete Vermögen nachhaltiger Fonds weiter. Seit Ende 2018 hat es sich weltweit von rund 600 Milliarden US-Dollar auf 3,9 Billionen US-Dollar mehr als versechsfacht. Europa dominiert mit einem Anteil von fast 86 Prozent am weltweiten Nachhaltigkeitsvermögen – ein strukturelles Schwergewicht, das die Region auch in turbulenten Phasen prägt.

Dieses Paradox – wachsendes Volumen bei schrumpfendem Neugeschäft – erklärt sich durch Kursgewinne an den Aktienmärkten. Das Vermögen steigt, aber nicht, weil neue Anlegergelder fließen, sondern weil bestehende Positionen im Wert gestiegen sind. Eine fragile Basis, die schnell erodieren kann, sobald die Märkte drehen.

Bemerkenswert ist auch die Diskrepanz zum erklärten Anlegerinteresse: Laut einer Umfrage des Morgan Stanley Sustainability Institute sind 88 Prozent der privaten Anleger weltweit an nachhaltigen Anlagen interessiert. 86 Prozent der Vermögensinhaber geben an, ihre ESG-Allokationen in den nächsten zwei Jahren ausbauen zu wollen. Die Zahlen klaffen damit dramatisch auseinander. Interesse bekunden und tatsächlich investieren – das sind offenbar zwei verschiedene Paarschuhe. Marktforscher sprechen in diesem Zusammenhang von der sogenannten „intention-action-gap“, der Lücke zwischen Absicht und Tat.

In Deutschland zeigt sich zudem eine Besonderheit: Laut dem Marktbericht Nachhaltige Geldanlagen 2025 des Forums Nachhaltige Geldanlagen (FNG) sind Investoren zwar weiterhin mehrheitlich optimistisch gestimmt, blicken aber mit steigender Besorgnis auf geopolitische Unsicherheiten. Zudem bemängeln viele Marktteilnehmer fehlende Standards im sozialen Bereich – dem „S“ in ESG –, was Investitionsentscheidungen zusätzlich erschwert.

Fazit: Kein Abgesang, aber ein Weckruf

Die Zahlen sind unmissverständlich: 2025 war ein Einschnitt für die nachhaltige Fondsbranche, kein bloßer Dämpfer. Für deutsche Anleger bedeutet das vor allem eines – genauer hinschauen. Wer in ESG-Fonds investiert oder es plant, sollte die regulatorischen Änderungen rund um SFDR 2.0 im Blick behalten, die Zusammensetzung seiner Fonds kritisch prüfen – gerade mit Blick auf die neue Offenheit gegenüber Rüstungswerten – und zwischen kurzfristigen Mittelströmen und dem langfristigen Vermögensaufbau unterscheiden. Die strukturellen Treiber nachhaltigen Investierens – Klimawandel, Ressourcenknappheit, regulatorischer Druck aus Brüssel – sind unverändert intakt. Was fehlt, ist verlässliche Orientierung in einem regulatorisch überfrachteten, politisch aufgeladenen Marktumfeld. Die Branche ist gefordert, diese Orientierung zurückzugewinnen – sonst könnte aus einer Delle ein dauerhafter Vertrauensverlust werden.

Günstig investieren: Online-Broker im Vergleich

Quellen und weiterführende Links

Hinweis: Dieser Artikel dient ausschließlich der Information und stellt keine Anlageberatung dar. Alle Kursangaben und Einschätzungen basieren auf öffentlich verfügbaren Quellen zum Stand Mai 2026. Investitionen in Aktien sind mit Risiken verbunden – insbesondere in geopolitisch unsicheren Marktphasen.