Wirecard – illegale Geschäfte oder externe Kursmanipulation?

Donnerstag den 16.06.2016 - Abgelegt unter: Aktien, Brokernews

Der Name Wirecard dürfte den meisten deutschen Verbrauchern nur in Verbindung mit der Wirecardbank geläufig sein. Dass sie jedoch fast tagtäglich Kontakt mit dem Unternehmen aus der Nähe von München haben, wissen die wenigsten.

Wirecard, notiert im TecDax mit Dax30 Ambitionen, gilt als einer der größten Zahlungsverkehrsabwickler. Gleich ob bei eBay oder an der Supermarktkasse, die Chancen, dass Wirecard den Geldtransfer übernimmt, stehen gut. Dabei gehen die Aschheimer noch einen Schritt weiter. Sie garantieren dem Verkäufer den Zahlungseingang.

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Der Aufstieg der Bayern verlief fast kometenhaft. Hervorgegangen aus einem Pennystock Unternehmen mit einem Preis von 36 Cent pro Aktie hat sich der Kurs innerhalb von 13 Jahren verhundertfacht. Wer im Jahr 2002 10.000 Euro investierte, darf sich heute zurecht als Millionär fühlen.

Dabei steht die Aktie von Wirecard immer wieder im Fokus von Hedgefonds. Und Hedgefonds verdienen ihr Geld auch mit sogenannten Short-Positionen. Wirecard ist inzwischen zum zweiten Mal in der Situation, dass zahlreiche Hedgefonds bei dem Unternehmen „short“ gehen. Dieser Umstand ist alles andere als dankbar, da eine Short-Position auf fallende Kurse setzt.

Was ist eine Short-Position?

  • Bei dieser Handelsvariante geht ein Marktteilnehmer davon aus, dass eine Aktie an Wert verlieren wird.
  • Er bietet Aktien für einen späteren Zeitpunkt zum Kauf eines heute vereinbarten Preises an, ohne im Besitz der Aktie zu sein, dem klassischen Leerverkauf.
  • Sein Kalkül zielt darauf ab, dass der Kurs der Aktie zum Liefertermin unter dem vereinbarten Abnahmepreis liegt und er aus der Differenz aus billigem Einkauf und teurem Verkauf einen Gewinn erzielt.

Die zehn deutschen Aktien, auf die am meisten short gewettet wird:

Unternehmen Anteil der „Short-Positionen“ Veränderung
Stand 13.06.2016. Quelle: http://shortsell.nl/universes/Duitsland
Heidelberger Druckmaschinen 14,84%  
K+S 14,68%  
Aixtron 10,88%  
Wirecard 10,47% -0,14%
Deutsche Lufthansa 7,21% 0,25%
Leoni 5,78%  
Bilfinger 5,20% -0,32%
Klöckner & Co 4,34%  
Salzgitter 4,02%  
Ströer 3,83%  

Diese Tabelle zeigt, dass immerhin 10,47 Prozent der Aktien von Wirecard Gegenstand einer „Short-Wette“ sind.

Was hat das mit den Gerüchten um Wirecard zu tun?

Der Kurs der Wirecard Aktie kannte, schaut man auf das Kurschart, nur den Weg nach oben. Es ist hinlänglich bekannt, dass einer Hausse aber auch eine Baisse folgt. Ärgerlich für den Inhaber der Short-Position ist es allerdings, wenn die Baisse nicht zum gewünschten Zeitpunkt stattfindet. Im Falle Wirecard haben sich die Gerüchte verdichtet, dass hier ein wenig nachgeholfen werden sollte.

Kurswerte von Wirecard gegen Short-Positionen. So entwickelt sich Wirecard unter den Hedgefonds-Attacken.

Publik wurde die Vermutung, dass der Kurs der Wirecard Aktie von Dritten nach unten gedrückt werden sollte durch Publikationen der Researchfirma Zatarra. Researchfirmen leben davon, dass sie Informationen aufdecken und weiterverkaufen.

Bei Zatarra handelt es sich allerdings um ein Unternehmen, welches zum einen in der Branche niemand kennt, und zum anderen um lancierte Sachverhalte, deren Belastbarkeit zweifelhaft erscheint. Zatarra wirft Wirecard in einer 100-seitigen Veröffentlichung zum einen Geldwäsche, zum anderen Bilanzmanipulationen vor.[1]

Vergleicht man die Bilanzierungspraktiken von Wirecard mit denen anderer am Dax gelisteter Unternehmen, so greifen SAP oder Bayer bei Abschreibungen oder Rückstellungen für Goodwill-Zahlungen auf die gleichen Ansätze zurück – ohne Kritik.

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Es ist nicht das erste Mal, dass Wirecard solchen Vorwürfen ausgesetzt ist. Bereits im Jahr 2010 hatte die Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger diese Anschuldigungen erhoben. Es stellte sich allerdings später heraus, dass einige Mitglieder, darunter auch der damalige Vorstand Markus Straub, Wetten gegen den Wirecard Aktienkurs laufen hatten – sie waren „short“ gegangen.

Die englische Presse hatte sich ebenfalls gegen die Bayern eingeschossen. Die Financial Times veröffentlichte eine 18-teilige Kolumne zu Wirecard. Betrachtet man allerdings einmal die Akteure, die „Short-Positionen“ auf Wirecard halten, sind es überwiegend britische, US-amerikanische und kanadische Hedgefonds und Pensionskassen.

Die Rolle von Zatarra bleibt nebulös, die Attacken auf den Aktienkurs von Wirecard verlaufen auf den ersten Blick nach dem Motto „wo Rauch ist, ist auch Feuer“. Die Gerüchteküche könnte ihren Teil dazu beitragen, dass es im Sinne der Short-Trader verläuft. Zatarra muss sich jetzt Untersuchungen hinsichtlich möglicher Kursmanipulationen gefallen lassen.[2]

Wie entwickelt sich Wirecard tatsächlich?

Wirecard selbst entwickelt sich gut, aber mit Einschränkungen. Die Geschäftspolitik der Münchner ist von einer massiven Expansionspolitik geprägt. So machten sie in den vergangenen Jahren immer wieder durch die Aufkäufe regionaler Zahlungsabwicklungsdienstleister im Ausland von sich reden. Diese Investitionen, in Asien und in Vorderasien, waren allerdings zum Teil regelrechte Flops. Einige Unternehmen wurden bereits wieder abgestoßen, andere hängen immer noch am finanziellen Tropf des Mutterhauses. Wie der längst fällige Sprung über den Atlantik in die USA geschehen soll, durch Akquise eines Unternehmens oder eine Neugründung, steht noch nicht fest.

Es bleibt auf jeden Fall spannend, wie es in dem Duell Wirecard gegen Zatarra weitergeht, zu welchem Schluss letztendlich auch die BaFin kommt. Zumindest hat sich die Aktie selbst seit der Attacken im März 2016 wieder recht gut erholt, allerdings noch nicht wieder den Höchststand erreicht.

 


[1] Die Vorwürfe von Zatarra und die Reaktion der BaFin

[2] Zatarra ebenfalls im Zwielicht


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