Der Jim-Rogers-Effekt

Deutschen Anlegern wird der Name Jim Rogers zunächst wenig sagen. Der 76jährige ist allerdings in den USA als Börsenprofi bekannt und gründete 1970 mit George Soros den Quantum-Fonds. Rogers macht immer wieder auf die Gefahren bevorstehender Crashs aufmerksam, unter anderem warnte er 2008 vor der enormen Überschuldung privater Haushalte in den USA.

Für das Jahr 2020, spätestens 2021 sagt er die größte Finanzkrise vorher, welche die Menschheit je erlebt habe. Was hat es mit dieser Warnung auf sich, welche Kriterien legt er zugrunde und wie präzise waren seine Vorhersagen in der Vergangenheit?

Das Wichtigste auf einen Blick:

  • Der Börsenguru Jim Rogers warnt vor einem Megacrash in den nächsten beiden Jahren.
  • Seine Belege dafür können Gültigkeit haben, müssen jedoch nicht in dem Ausmaß, wie er es beschreibt.
  • Bislang blieb er mit seinen bisherigen Warnungen am Ende den Beweis schuldig.
  • Anleger sollten bei Crashwarnungen vorsichtig sein. Wer auf Rogers hörte, hatte für lange Jahre gute Chancen verpasst.

Wie treffsicher waen Jim Rogers Prognosen?

Das ärgerliche an der Wirtschaft und damit an der Börse ist, dass jeder macht, was er will, und keiner das, was er soll. Dazu ein Beispiel: Der Weltwirtschaftsklima-Index sank im ersten Quartal von minus 2,2 Punkten auf minus 13,1 Punkte. Dies war der niedrigste Stand seit 2011 und Wasser  auf die Mühlen von Jim Rogers. Leider ging es ihm in diesem Zusammenhang ähnlich, wie mit den Kurskorrekturen bei den FANG-Aktien. Der Index erholte sich im Folgequartal und stieg wieder auf minus 2,4. Der Direktor des Ifo-Instituts, Clemens Fuest, sieht Licht am Ende des Tunnels.

Die Prognosen für Börsencrashs und finale Weltwirtschaftskrisen ähneln ein bisschen den Weltuntergangsprognosen. Unstrittig ist, eines Tages werden diejenigen, sagen, die Welt geht unter,  Recht behalten. Wissenschaftlern zufolge hat der Planet seinen Zenit überschritten und in ca. 3,5 Milliarden Jahren gehen die Lichter aus.

Der nächste Börsencrash wird kommen – unstrittig. Aktuell, im Sommer 2019, erleben wir immer noch die zweitlängste Rallye in der Geschichte der Aktien. Sie wird ein Ende haben, irgendwann. Aber wie sicher sind die Prognosen der Börsengurus wie Jim Rogers? Die nachfolgende Tabelle zeigt die Treffsicherheit dieses Insiders:

Jim Rogers warns… Indexstand zum Datum der Meldung Indexstand 12 Monate später Indexstand 19.06.2019
Datum Aussage Dow Jones MSCI World Dow Jones MSCI World Dow Jones MSCI World
27.07.2010 „there has been a recession every four-to-six years, and that’s mean another one is due around 2012“ [1] 10.537,69 1.130,92 16,75% 16,63% 151,52% 91,14%
09.11.2011 „100% Chance of Crisis, Worse Than 2008“ [2] 11.780,94 1.180,59 8,78% 8,08% 124,97% 83,09%
19.08.2012 It’s Going To Get Really „Bad After The Next Election“ [3] 13.271,64 1.290,23 13,10% 16,37% 99,70% 67,54%
01.04.2013 „‚Run for the Hills‘ Now, I’m Doing It“ [4] 14.802,24 1.428,03 11,69% 17,90% 79,05% 51,37%
16.10.2014 „Sell Everything & Run For Your Lives“ [5] 16.117,24 1.592,60 6,82% 5,71% 64,45% 35,73%
25.06.2015 „I believe the market will go down“ [6] 17.890,36 1.781,48 -2,74% -9,69% 48,15% 21,34%
25.05.2016 „Now Jim Rogers Predicts Trillion-Dollar ‘Biblical’ Market Crash“ [7] 17.851,51 1.668,86 18,10% 14,72% 48,47% 29,53%
08.06.2017 „Jim Rogers expects the worst crash in our lifetime“ [8] 21.414,34 1.924,19 18,22% 11,10% 23,77% 12,34%
31.07.2018 „When we have a bear market, and we are going to have a bear market, it will be the worst in our lifetime.“ [9] 25.415,19 2.153,09     4,28% 0,40%
10.04.2019 „The Coming Global Financial Crisis Will Be The Worst In Our Lifetime“ [10] 26.157,16 2.147,98     1,33% 0,63%

Infografiken

Dow-Jones

Jim-Rogers-Effekt am Dow Jones untersucht

MSCI World

Jim-Rogers-Effekt am MSCI World untersucht

Quellen:

[1] Telegraph.co.uk

[2] CNBC.com

[3] Moneymorning.com

[4] CNBC.com

[5] Zerohedge.com

[6] Marketwatch.com

[7] Jewishbusinessnews.com

[8] Businessinsider.com

[9] Forbes.com

[10] Wallstreetwindow.com

Wir müssen Jim Rogers zu Gute halten, dass er am 20. Juni 2015 mit seiner Prognose richtig lag. Der Dow-Jones gab ab dem Zeitpunkt seiner Aussage in den folgenden zwölf Monaten von 17.890,36 Zählen auf 17.399,86 Punkte nach. Gut, dass wir über die Krise gesprochen haben.

Bedauerlich sind die Prognosen der Gurus für alle diejenigen, die ihnen Glauben schenken und entsprechend agieren. Wer Jim Rogers folgte, verpasste sechs gute Jahre in einen Wachstumsmarkt einzusteigen.

Worauf beruht sein Pessimismus?

Kreditblase droht zu platzen

Die enorme weltweite Überschuldung stellt eines der größten Risiken dar. Selbst in China hat die Überschuldung bei privaten Haushalten und Unternehmen Einzug gehalten. Hier gibt es noch ein weiteres Problem. China kennt die Problematik überhöhter Schulden und geplatzter Kredite noch nicht. Immerhin hat sich die Verschuldung der Firmen in der Zeit zwischen 2014 und 2019 auf 20 Billionen verfünffacht.

Niedrige Zinsen führen auch dazu, dass Anleger verstärkt in Immobilien investieren. Dies wiederum führt zu einem Boom, der die Immobilienpreise von der realen Wirtschaftslage entkoppelt. Die Bildung einer Blase ist die Folge.

Unstrittig ist, dass Rogers mit seiner Warnung vor einer globalen Überschuldung richtig liegt.   

Notenbanken mit Schuld am erhöhten Crash-Risiko

Rogers benennt mehrere Faktoren, die auf einen Crash hindeuten. Einer dieser Faktoren seien die Notenbanken, die unkontrolliert Geld in die Märkte pumpen würden, um die Liquidität aufrecht zu erhalten. Die Niedrigzinspolitik trage ebenfalls dazu bei, dass es Firmen und privaten Haushalten geradezu leicht gemacht wird, sich zu überschulden. Unstrittig ist, dass die Notenbanken weltweit einen Refinanzierungszinssatz von rund 13 Prozent im Jahr 1980 auf heute null Prozent oder leicht über null heruntergeschraubt haben.

Darüber hinaus sei jede Krise mit neuem Geld bekämpft worden, Banken und Staaten durch Unmengen Liquidität gerettet worden, anstatt eine kleinere Krise mit Selbstreinigungskräften zuzulassen. Für die Zinspolitik der EZB sieht er schwarz, da den Bankern aus Frankfurt langsam die Munition ausginge, um die Märkte weiter zu befeuern.

Es bleibt die Frage, wann die Notenbanken anfangen, auch Aktien zu kaufen. Würden sie sich in diesem Geschäftsfeld engagieren, hätte das natürlich zunächst einen Kursanstieg zur Folge, dem jedoch in den Augen Rogers bald der Bärenmarkt folgen würde.

Fehleinschätzung am US-Aktienmarkt

Auch Börsengurus können sich einmal irren. Rogers sah den US-Aktienmarkt als besonders gefährdet, da die Kurse für Aktien der Internetriesen nie nachgeben und immer nur steigen würden. Die Tatsache, dass die sogenannten FANG-Aktien (Facebook, Amazon, Netflix und Google) seit April durchaus Kurskorrekturen hinnehmen mussten, hatte Rogers so nicht vorhergesagt. Dass dem starken Auftakt an den Börsen zu Jahresbeginn nun eine gewisse Volatilität folgte, lässt sich in erster Linie auf die geopolitischen Wirrungen zurückführen. Gründe für eine Panik bestehen laut Robert Halver, Analyst der Baader Bank, nicht (Focus Money, 26/2019, S. 36).

Trumps Handelskriege sind Öl ins Feuer der Baisse-Protagonisten

Trumps liebstes Drohmittel, Strafzölle gegen alle und jeden, der die US-Linie nicht mitträgt,  könnte zusammen mit den bisher beschriebenen Szenarien die Welt in einen ökonomischen Abgrund treiben. Protektionismus ist in den Augen von Rogers Gift für die gesamte Weltwirtschaft. Bereits im Jahr 2016 warnte er vor Trumps „America First“ in Bezug auf den Handel. Da Trump laut Rogers der Überzeugung ist, Handelskriege seien gut, und könnten gewonnen werden, sieht er langfristig kein definitives Ende des ökonomischen Säbelrasselns. Allerdings rechnet er damit, dass die USA und China kleine Lösungen finden werden, um die große Eskalation zu vermeiden.

Die Gefahr, dass Handelskriege Ursache für eine Mega-Finanzkrise sein können, fällt eher gering aus. Den negativen Auswirkungen in den USA müsste sich Trump stellen und gegensteuern. Dies um so mehr, als er eine erneute Kandidatur als Präsident anstrebt.

Krisen entstehen unbemerkt

Der Finanzkrise von 2008 gingen einige seismische Erschütterungen voraus, die von den Verantwortlichen bei den Zentralbanken aber nur als Einzelfälle gesehen wurden, nicht als Vorläufer eines weltweiten Bebens. Island stand am Staatsbankrott, Irland folgte, US-Banken mussten dicht machen – es waren Einzelschicksale. Erst die Pleite von Lehman Brothers zeigte urplötzlich den globalen Zusammenhang.

Rogers sieht deutliche Anzeichen für das Aufkommen der nächsten Weltwirtschaftskrise. Venezuela, das Land mit dem größten Ölreichtum, ist einmal mehr Pleite. Der türkische Hype ist verflogen, die Wirtschaft stagniert. Indonesien und Argentinien schwächeln und um das Baltikumvorzeigeland Lettland wird es auch stiller. Laut dagegen kommen die Italiener einher. Die Rechts-Regierung möchte offensichtlich einen neuen Schuldenrekord aufstellen und sucht den offenen Konflikt mit der EU. Auch vor dem möglichen Hintergrund, den Euro schrittweise und heimlich zu verlassen.

Italien bastelt seine eigene  Bombe

Ja, die Weltwirtschaft schwächelt. Bestes Indiz ist China, das ebenfalls ein langsamer wachsendes Bruttoinlandsprodukt (BIP) ankündigte. Italien bleibt ein extremer Risikofaktor. Mit zwei Billionen Euro in der Kreide beträgt die Verschuldungsquote 130 Prozent des BIP. Ein Zusammenbruch der italienischen Wirtschaft hätte zweifellos verheerende Folgen für Europa.

Claudio Borghi, Lega-Abgeordneter und Präsident der Finanzkommission, hatte schon 2017 erläutert, wie der italienische Austritt aus dem Euro erfolgen könne. Man müsse nur kleine Schritte machen und jeden Schritt begründen, ihn  als harmlos, aber notwendig darstellen, ohne das finale Ziel, den Austritt aus dem Euro, zu erwähnen. Im Mai 2019 haben die Italiener mit der Verabschiedung der Mini-Bots den ersten Schritt gemacht. Dabei handelt es sich um eine Art kurzfristige Staatsanleihe in Stückelungen von unter 100 Euro. Sie sollen Firmen dazu dienen, die Schulden des Staates bei ihnen zu reduzieren und wären als Zahlungsmittel erlaubt.

Die zusätzlichen Anleihen würden die Rückzahlungsfähigkeit der in Umlauf befindlichen Papiere deutlich beeinträchtigen. Deren Kurse würden nachgeben, die Rückzahlung respektive Zinszahlung in den verhassten Euros zugunsten der neuen eigenen Währung könnte fraglich werden. Die eine oder andere italienische Bank, die Staatsanleihen in den Büchern führt,  hätte dann ein Problem.

In den Risikoszenarien von Jim Rogers stellt Italien aktuell das größte Problem für Europa dar. Im Vergleich zu dem vor Nationalismus nur so strotzenden und kraftmeiernden Innenminister  Salvini verhielt sich der zu Zeiten der Finanzkrise aktive griechische Finanzminister Gianis Varoufakis wie ein Chorknabe.

Unser Fazit

Man muss nur oft genug Prognosen abgeben. Liegt man falsch, geraten sie schnell in Vergessenheit. Liegt man jedoch nur einmal richtig, hat man den Status des Börsenprofis. So beschreibt es der US-Anlageberater Taylor Money. Eine hübsche Umschreibung, wie man mit heißer Luft zu einem Bekanntheitsgrad kommen kann. Die 4.000 Prozent Plus, die Rogers mit seinem Quantum-Fonds in den 70er Jahren einmal in einem Jahr realisierte, interessieren kaum jemanden. Panik lässt sich besser vermarkten.

Der im September 1999 verstorbene André Kostolany galt ebenfalls als Börsenguru. Eine seiner Maxime lautete, es gibt keinen richtigen Zeitpunkt, um in Aktien einzusteigen, jeder Zeitpunkt ist richtig. Er vertrat auch den Standpunkt, Aktien kaufen, sich zehn Jahre schlafen legen, und dann schauen, was daraus geworden ist. Das hektische, von Panik und Crashphantasien betriebene Handeln war für ihn der „Handel der zittrigen Hände“.