Die Chartanalyse im Überblick

Wie andere Analysemethoden auch versucht die Chartanalyse zum Vorteil der Anleger Aktienkurse wenigstens so weit zu prognostizieren, dass eine Aussage über die weitere Entwicklung gemacht werden kann. Der größte Unterschied zur Fundamentalanalyse besteht darin, dass betriebs- oder volkswirtschaftliche Kennzahlen oder Branchenanalysen bei der Chartanalyse vollständig ignoriert werden.

Hypothesen entscheidend

Die Chartanalyse geht von der Annahme aus, dass sämtliche entscheidungsrelevanten Informationen über Vergangenheit und Zukunft schon im Kurs-Chart enthalten sind. Häufig wird die Chartanalyse mit der Technischen Analyse gleichgesetzt. Diese kann allerdings zusätzliche Verfahren der Markttechnischen Analyse enthalten und geht damit über die reine Untersuchung von Kursverläufen hinaus. 

Das Analysemodell der Charttechnik geht von der Hypothese aus, dass der Kursverlauf z.B. von Aktien bestimmte einander ähnelnde Wiederholungen ausbildet. Diese ermöglichen wiederum Prognosen auf voraussichtliche Kursentwicklungen. 

US-amerikanische Wurzeln  

Der Entwickler des nach ihm benannten Dow Jones Index, der US-Amerikaner Charles Dow, gilt in der westlichen Welt gilt als Pionier der technischen Analyse. Dabei hatte der Wirtschaftsjournalist nie den Anspruch, eine wissenschaftliche Theorie entworfen zu haben, die dazu geeignet sein würde, künftige Preise einzelner Werte zu prognostizieren. 

Charles Dow sah in seinen Erkenntnissen vielmehr einen Werkzeugkasten für Aktien-Analysten, um vorrangige Markttrends effizienter definieren zu können. Der US-Publizist war der Meinung, dass sich Finanzmärkte zyklisch verhalten und in verschieden befristeten wellenförmigen Bewegungen verlaufen.

Weiterentwicklung der Theorie 

In den 30er und 40er Jahren des 20. Jahrhunderts baute der US-Mathematiker Ralph Nelson Elliott auf den Erkenntnissen von Charles Dow auf und erstellte die Theorie der Elliott-Wellen. Auch Elliotts Modell beschreibt Trendzyklen, die jedoch sehr viel stärker mathematisch definiert sind als die der Dow-Theorie.

In seinem Werk „Technical Analysis and Stock Market Profits: A Course in Forecasting“ publizierte Richard Schabacker 1932 erstmals die heute noch gültige Zusammenfassung der Grundlage der auf geometrischen Mustern basierenden Chartanalyse. 

Computer erhöhen Bedeutung der Charttechnik  

Mit der zunehmenden Verfügbarkeit der Computertechnik seit den 1980er Jahren erhöhte sich die Bedeutung der Charttechnik. Die mathematische wie grafische Verarbeitung der zur Chartanalyse notwendigen Datenwengen war erstmals schnell verfügbar. Durch die Computer sind technische Modelle in Realzeit berechenbar und werden für Geschäfte auf den internationalen Finanzmärkten angewandt.

Sinn und Nutzen der Chartanalyse 

Das charttechnische Analysemodell geht davon aus, dass es wiederkehrende Ereignisse mit jeweils ähnlichen Zukunftsverläufen gibt. Nicht wie bei der Fundamentalanalyse, die Bilanzen untersucht, News auswertet, die Auftragslage einer Gesellschaft prüft oder Branchenvergleiche anstellt, beschränken sich Charttechniker allein auf den Kursverlauf. 

Auf diese Art und Weise wird das Ziel verfolgt, Kauf- oder Verkaufssignale für bestimmte Werte zu ermitteln. Der Markt soll übertroffen werden. Wenn der Händler eine höhere Rendite erreicht als der zu Grunde gelegte Index, ist ein befriedigendes Ergebnis erzielt. 

Charttechnik mehr als Glaubensfrage 

Die Chartanalysten weltweit gehen davon aus, dass der Aktienkurs im Chart das Ergebnis aller Erwartungen, Hoffnungen und Handlungen ist. In ihm meinen sie Fakten wie psychologische Faktoren oder Massenphänomene, etwa Angst oder Herdentrieb, zu erkennen. 

Um Aussagen über weitere Kursverläufe machen zu können, vergleicht die Charttechnik historische Kursmuster mit aktuellen, kalkuliert eine mathematisch berechenbare Wahrscheinlichkeit für ein bestimmtes Szenario und konstruiert Perspektiven der weiteren Entwicklung.

Wissenschaftlicher Nutzen ungeklärt

Wissenschaftlich durchaus umstritten ist, ob Anleger mithilfe der technischen Analyse tatsächlich Aussagen über den weiteren Kursverlauf eines Wertpapiers erhalten können. Vertreter der klassischen Finanzmarkttheorien, wie der Effizienzmarkt-Hypothese oder des Random Walk, können mit der wissenschaftlich nicht gefestigten Charttechnik wenig anfangen.

Stichwort: self fulfilling prophecy

Per Definition ist eine self fulfilling prophecy eine Prognose, die dadurch eintritt, dass sich alle oder die Mehrheit der Marktteilnehmer entsprechend einer Voraussage verhalten. Somit wird die Prognose zur Realität.

Die weite Verbreitung und die Popularisierung über das Internet oder gedruckte Anlegermagazine werden als Argumente für die Einbeziehung der Charttechnik in die Kursanalyse verwendet. Aus der alleinigen Tatsache heraus, dass aus dem Glauben an die Chartanalyse viel Geld transferiert wird, entsteht das bekannte Phänomen der selbsterfüllenden Prophezeiung, das eine aussagekräftige statistische Überprüfung des Wahrheitsgehalts erschwert. 

Viele Investoren führen allein aus dem Glauben an ein Eintreffen der erwarteten Kursbewegungen heraus Aktionen aus, die in ihrer Gesamtheit dann selbst der wirkliche Hintergrund für das tatsächliche Stattfinden der prognostizierten Kursbewegungen sein können.

Beobachtungszeitpunkt entscheidend

Je nach Beobachtungszeitpunkt, aber auch je nach Sichtweise des Betrachters können bestimmte Chartverläufe sowohl als Anzeichen für eine Trendbestätigung wie auch als ein Signal für eine beginnende Trendumkehr verstanden werden. Dies erschwert natürlich die wissenschaftliche Betrachtung der Chartanalyse.

Chartformationen

Chartformationen oder Chartsignale sind signifikante Ereignisse, die sich innerhalb eines Beobachtungszeitraums im Kursverlauf einer Aktie ereignen können. 

Gaps – Kurssprünge im Chart 

Gaps sind vor allem in Balkencharts deutlich zu beobachten und die Analysten sprechen dann von einer solchen Formation, wenn innerhalb eines Charts Lücken durch Kurssprünge auftreten. Ein Gap nach oben liegt dann vor, wenn der Tiefpunkt des aktuellen Tages höher liegt als das Hoch des vorherigen Tages. Ein Gap nach unten ist dann zu erkennen, wenn das Hoch des aktuellen Tages niedriger als das Tief des vorherigen Tages liegt.

Speerspitze bei Trendumkehr

Die Kursformation Spike oder zu Deutsch Speerspitze bildet sich im Gegensatz zu dem vorherigen und folgenden Tag ein deutliches Hoch oder ein deutliches Tief. Dabei befindet sich der Schlusskurs am anderen Ende der bisherigen Bewegung. Analysten gehen hierbei davon aus, dass ein solcher Spike den Höhepunkt des aktuellen Kauf- oder Verkaufsdrucks signalisiert. Aus diesem Grund sollte es zu einer Trendumkehr kommen, wobei diese von deutlich erhöhtem Volumen unterstützt werden sollte. 

Umkehrtage drehen den Trend 

Umkehrtage sind Kursformationen, bei denen sich ein neues Kurshoch innerhalb des Tages gebildet hat, wobei im danach der Schlusskurs unterhalb des Schlusskurses des Vortages liegt. Weil Umkehrtage jedoch recht häufig zu beobachten sind und dadurch viele Fehlsignale abgegeben werden, werden diese von vielen Börsianern kaum zur Kenntnis genommen.

Upthrust- und Downthrustdays 

Upthrustdays sind dadurch gekennzeichnet, dass der Schlusskurs über dem Schlusskurs des Vortages liegt. Dagegen befindet sich bei einem Downthrustday der Schlusskurs unterhalb dem Schlusskurs des Vortages. Das Auftreten eines einzelnen Upthrust- bzw. Downthrustdays hat kaum Bedeutung. 

Dennoch kann beim Auftreten einer ganzen Reihe von Upthrustdays auf einen Aufwärtstrend oder bei vielen Downthrustdays von einem Abwärtstrend ausgehen. Einer relativ ausgeglichenen Verteilung kann eine Seitwärtsbewegung signalisieren. 

Wide-Ranging Days sind Tage mit ungewöhnlich hohen Kursschwankungen. Falls sich der Schlusskurs gegenläufig zum aktuellen Trend nahe am Rand der Kursschwankung befindet, deutet dies auf einen Hinweis zur Trendumkehr.